Hintergrund
Eine Literaturstudie von Metzing & Osarek (2000) verdeutlicht, dass das Thema Besuchsreglungen auf der Intensivstation in der deutschsprachigen Pflegeliteratur praktisch keine Rolle spielt. Eine eigene Literaturanalyse zeigte insbesondere, dass die Rolle von Kindern als junge Angehörige auf der Intensivstation kaum thematisiert wird. Während „sibling visiting policies“, also liberale Besuchsregelungen für Geschwister, inzwischen etabliert und auch gut beforscht sind, fehlt es an empirischen Arbeiten, die den Nutzen, die Gefahren und die Rahmenbedingungen von jungen Töchtern und Söhnen als Besucherinnen/Besucher der Erwachsenenintensivstation, zum Gegenstand haben.
Bei der schon durchführten Analyse von Hinweisschildern in 20 Kliniken wurde deutlich, dass die Regelungen für Kinder sehr heterogen sind und Pflegende erst auf Nachfrage den Sinn solcher Regelungen reflektieren. Gibt es institutionelle Regelungen, wie sie durch solche Hinweisschilder deutlich werden, dann wird davon häufig nach persönlichen Erwägungen abgewichen (Hupcey, 1999). Nicht selten wird mit dem Hinweis „Zutritt nur nach Rücksprache mit dem Arzt“ die Verantwortung auf eine andere Berufsgruppe verschoben. Des Weiteren scheinen Unsicherheiten zu herrschen, wie sich der Besuch eines Kindes für alle Beteiligten auswirkt und wie ein solcher Besuch optimal in die Pflege integriert werden kann. Nur wenige (quasi)-experimentelle Untersuchungen prüften den Nutzen der Integration von Kindern (z.B. Nicholson et al., 1993).

Die in der angloamerikanischen Literatur bisher beschriebenen Hilfsangebote für Pflegende, Eltern und Kinder, z.B. altersentsprechende Informationsmaterialien und Entscheidungshilfen (Nicholson et. al., 1993; Pierce, 1998) könnten nach einer entsprechenden Adaptation auch in deutschen Kliniken eingesetzt werden. Bevor jedoch solche Materialien zum Einsatz kommen, gilt es, die Rahmenbedingungen im Sinne einer Ist-Analyse zu klären. Eine bundesweite postalischen Befragung soll das bisherige Vorgehen und die Begründungen für die Regelungen erhellen.
Forschungsdesign
An 164 Krankenhäuser in allen Bundesländern und verschiedenen Versorgungsstufen wurden Fragebögen versendet, um über die derzeitigen Besuchsregelungen für Kinder und die Begründungen für diese Regelungen Informationen zu erhalten.
Konkrete Inhalt des Fragebogens waren:
- Institutionelle Regelungen
- Abweichung von diesen Regelungen
- Besuchszeiten
- Hilfsangebote, Informationsbroschüren
- Besuchsregelungen für Kinder:
- Welche Regelungen gibt es überhaupt für Kinder
- Wie häufig und unter welchen Bedingungen wird von diesen Regelungen abgewichen?
- Welche Ausgrenzungs- bzw. Integrationsargumente nennen Pflegende?
 
Seitenanfang
Ergebnisse
Es werden hier nur Teilergebnisse dargestellt. Zwei Artikel, die die Ergebnisse umfassender darstellen und die bisherige Literatur zu dem Thema zusammenfassen, sind in Arbeit.
Stichprobe:
Von den 164 Kliniken, die angeschrieben wurden, haben 98 Kliniken geantwortet, was einem Rücklauf von 59,75% entspricht. In jedem Anschreiben befanden sich 3 Fragebögen, d.h. in einigen Einrichtung wurden auch mehrere Intensivstationen getrennt voneinander befragt. Dies entspricht 183 auszuwertenden Fragebögen. Da nicht immer jede Frage beantwortet wurde, kann es bei der folgenden Darstellung zu differierenden Stichprobenzahlen kommen.
Die folgende Tabelle 1 zeigt den Rücklauf getrennt nach Kinder- vs. Erwachsenenintensivstation.
| Art der Intensivstation |
Nennungen |
Prozent |
| Kinderintensiv |
22 |
12,5 |
| Erwachsenenintensiv |
154 |
87,5 |
| Gesamt |
176 |
100 |
Bezogen auf die einzelnen Disziplinen ergibt sich folgende Verteilung (Tabelle 2).
| Fachrichtung |
Nennungen |
Prozent |
| interdisziplinär |
83 |
45,9 |
| chirurgisch |
27 |
14,9 |
| internistisch |
32 |
17,7 |
| internistisch-neurologisch |
7 |
3,9 |
| neurologisch |
3 |
1,7 |
| Sonstige (z.B. |
29 |
15,9 |
| Gesamt |
181 |
100 |
Nun zu den Ergebnisse der einzelnen Fragen.
Gibt es festgelegte Besuchszeiten?
Die Auswertung dieser Frage ergab, dass 76,1% der Stationen festgelegte Besuchszeiten haben. 23,9% antworteten mit "nein". Dabei zeigt die folgende Abbildung 1, dass es dennoch Stationen gibt, die von diesen Regelungen abweichen.

57,3% der Stationen weichen "oft" von vorhandenen Besuchszeiten ab und 34% "gelegentlich". Dies spricht eindeutig für eine uneinheitliche Handhabung von Besuchzeiten.
Gibt es Hinweisschilder in den Eingangsbereichen von Intensivstationen in Bezug auf Besuchszeiten/Regelungen?
In 90,9% wurde diese Frage mit "ja" beantwortet, in 9,1% mit "nein" (n=176). Dieses Ergebnis ist ein weiteres Indiz dafür, dass es Regelungen und eindeutige Besuchszeiten gibt, welche für jeden gut ersichtlich sind, dennoch wird aber in mehr als der Hälfe der Fälle oft von diesen Regelungen abgewichen.
Wie sehen die Regelung für Kinder aus?
Schaut man sich nun die Frage an, ob es auf Schildern bzw. in Broschüren Hinweise für den Besuch von Kindern gibt, so sieht das Ergebnis anders aus: 65% der Befragten geben an, keine Besuchszeiten für Kinder zu haben. Für den Fall, dass es doch welche gibt wurde gefragt, welche Altersgrenzen es gibt. Zwei Hauptaltersgrenzen wurden genannt:
- 28,4% nannten "Ab 12 Jahren"
- 58,7% "Ab 14 jahren"
- 12,9% machten sonstige Altersangaben
Der Range der "Sonstigen Nennungen" ist dabei recht weit: Er reicht von 5 Jahren bis hin zu 16 Jahren. Auch in diesem Fall werden Regelungen erstellt, von denen allenfalls vermutet wird, dass sie die „richtige Wirkung“ erzielen. Abbildung 2 zeigt, dass oft von diesen Regelungen bevorzugt selten abgewichen wird.

Wie man an diesem Diagramm deutlich sieht, wird "selten" (56,7%) bis "nie" (11,7%) von den Richtlinien abgewichen. Zusammengenommen lassen diese Prozentwerte auf eine relativ einheitliche Handhabung von Regelungen, bezüglich der Kinder schließen. Gründe hierfür sind Unsicherheiten oder auch selbstkritische Unwissenheiten über Verarbeitungsmöglichkeiten der Kinder und die professionelle Vorbereitung seitens der Pflegenden. Dies wurde in den parallel durchgeführten Interviews mit Intensivpflegekräften deutlich.
Welche Gründe werden für bzw. gegen den Besuch von Kindern genannt?
Die offenen Antworten der Fragebögen wurden kategorisiert und eine Rangreihe der Häufigkeiten gebildet. Im Folgenden soll eine Auswahl der prägnantesten Nennungen folgen.
Die Hauptgründe gegen den Besuch von Kindern auf Erwachsenenintensivstationen (n=136) sind:
- psychische Belastung (57,4%)
- 11,5% sehen explizit die Gefahr psychischer Belastungen für das Kind, z.B. durch den Anblick des intubierten Patienten/der Patientin
- Hygiene (37,0)
- Unter diese Rubrik fallen die Nennung von "Infektionsgefahr" als eine Gefährdung, die vom Kind zum Patienten ausgeht oder umgekehrt. Ausserdem wird die allgemeine Keimbelastung im Krankenhaus als Gefahr für das Kind und damit als Ausschlußgrund genannt.
- Weitere Gründe gegen die Zulassung von Kindern, bezogen sich auf die Betreuungsfähigkeit und den Betreuungsaufwand, den Pflegende zusätzlich für das Kind aufbringen müssten.
Als Hauptgründe für die Integration von Kindern wurde genannt (n=127):
- 11,2% erwähnten das "System Familie" als wichtigen Grund. Durch den Besuch von Kindern beim erwachsenen Angehörigen könnte dieses System gefestigt werden bzw. stabil bleiben.
- In 11,7% der Nennungen wurde der allgemeine Kontakt als Grund für den Besuch von Kindern genannt. Gemeint ist der Kontakt sowohl vom Kind zum Elternteil, als auch andersherum (Eltern Kind Beziehung).
- In 10,1% wurde ein positiver psychicher Einfluss für den Patienten als Grund genannt und in 5,3% ein positiver Einfluss für das Kind. Weiterhin werden auch positive Lerneffekte bzw. die Förderung des Verständnisses der Situation beim Kindes (4,8%) als positive Faktoren erwähnt..
- 6,4% der befragten glauben, dass Kinder einen Beitrag zur Genesung leisten können, dass sie Hoffnung geben und
- eine Motivation (5,0%) für den Patienten/die Patientin darstellen können.
- 5,5% begründen eine Integration mit der die Möglichkeit zur Abschiednahme und besseren Trauerbewältigung.
Insgesamt wurden 1038 Statements kategorisiert, 601 Argumente sind gegen die Integration von Kindern und 437 dafür.
.Literatur
- Clarke, C.M. (2000). Children visiting family and friends on adult intensive care units: the nurses`perspective. Journal of Advanced nursing, 31 (2), 330-338.
- Hupcey, J.E. (1999). Looking out for the patient and ourselves the process of family integration into the ICU. Journal of Clinical Nursing, 8, 253-262.
- Johnson, D.L. (1994). Preparing children for visiting parents in the adult ICU. Dimensions of Critical Care Nursing, 13 (3), 152-165.
- Metzing, S. & Osarek, J. (2000). Besuchsregelungen auf Intensivstationen. Pflege, 13, 242-252.
- Nicholson, A.C., Titler, M., Montgomery, L.A., Kleiber, C., Craft, M., Halm, M. Buckwalter, K. & Johnson, S. (1993). Effects of child visitation in adult critical care units: A pilot study. Heart & Lung, 22 (1), 36-45.
- Pierce, B. (1998). Children visiting in the adult ICU: A facilitated approach. Critical Care Nurse, 18 (29), 85-90.
Seitenanfang
|
|